Hochwasser ist vorbei: Experte Heinrich Webler im Interview

mz-laubenheim.de: Herr Webler: Das Hochwasser der letzten Wochen: Ist das nun endgültig für 2011 vorbei?

Webler: Hochwasser können jederzeit auftreten, so auch im weiteren Jahr 2011 noch. Wenn beispielsweise wieder genügend Schnee in den Alpen und in den Mittelgebirgen liegt und die Tauperiode mit ausgedehnten Regenereignissen zusammenfällt, dann kann es zur nächsten Flut kommen. Auch Sommerhochwasser sind am Rhein möglich, sind jedoch in der Regel nicht ganz so mächtig wie Winterhochwasser. Und was der Winter 2011/12 bringt wissen wir noch nicht.

mz-laubenheim.de: Welche Erfahrungen wurden dieses Mal gesammelt?

Webler: Bei diesem Hochwasser handelte es sich um eine „zweigipfelige Welle“, deren erster Gipfel (um den 10. Januar) vom Oberrhein herkam und in Mainz nicht zu übermäßigen Auswirkungen geführt hat. Der zweite Gipfel (16. Januar) wurde von Hochwassern aus dem Neckar und dem Main verursacht: Die Überflutungen waren höher – z.B. der Campingplatz Laubenheim hatte Land unter – und führten aufgrund der langen Hochwasserdauer auch zu einem deutlich höheren Grundwasserspiegel im Riedgebiet.
Der Polder Ingelheim wurde geflutet, um das Mittelrheintal zu entlasten, während der Polder Laubenheim (Foto: Einlaufbauwerk auf der Rheinseite am 16.01.2011, Blick Richtung Bodenheim) noch nicht zum Einsatz kam.

mz-laubenheim.de: Wie ist es generell mit unserem Hochwasserschutz am Rhein bestellt?

Webler: Zurzeit haben wir Deiche, die einem 100- bis 120-jährlichen Hochwasser widerstehen können. Nach Fertigstellung aller 30 Polder am Oberrhein erhöht sich dieser Schutz bis zum 200-jährlichen Ereignis, einem Hochwasser also, das aus heutiger Sicht (statistisch gesehen) nur alle 200 Jahre erreicht werden kann. Es gibt jedoch auch noch höhere Ereignisse (siehe Oder und Elbe in den letzten Jahren oder Laubenheim 1882/83), die zusätzlich durch den Klimawandel verstärkt werden könnten.

mz-laubenheim.de: Wie wird solchen Extremhochwassern begegnet?

Webler: Das Land Rheinland-Pfalz plant zwei Reserveräume für Extremhochwasser, die erst bei Überschreiten des HQ200 (also bevor die Deiche brechen) geflutet werden und den Abfluss dämpfen. Darüber hinaus werden flächendeckende Hochwasserrisikomanagementpläne erstellt, die die Beratung der Bürger zum Ziel haben:
Dem Hochwasser mehr Aufmerksamkeit schenken, der Hochwassergefahr auch hinter dem Deich bewusst werden, Vorsorgemaßnehmen wie z.B. Hochwasser angepasstes Bauen oder Risikovorsorge (Versicherung), Senken des Schadenspotenzials in der Bebauung auch hinter dem Deich, Informationsvorsorge und Handlungsanleitungen für den Hochwasserfall und die Nachsorge.

mz-laubenheim.de: Gibt es für die Region Mainz auch Hochwasser, die unerwartet eintreffen könnten?

Webler: An dieser Stelle möchte ich die sogenannten Blitzfluten erwähnen, die wir in Laubenheim leider nur zu gut kennen: Kurze und zerstörerische Überflutungen nach kleinräumigen Extremniederschlägen – Wassermassen, die von der Laubenheimer Höhe den Weg talwärts nehmen und in die Ortschaft fließen. Die Stadt Mainz hat umfangreiche Gegenmaßnahmen getroffen: Anlage der Rückhaltebecken am Erich-Koch-Höhenweg, die Leitgräben, das Schöpfwerk (die „Wassermaschine“) im Dammweg – um nur einige davon zu nennen. Diese Anlagen können jedoch nur bis zu bestimmten Grenzen funktionieren; es gibt immer (Extrem-)Ereignisse, die noch stärker sind und für die die Anlagen nicht dimensioniert werden können.

mz-laubenheim.de: Herr Webler, herzlichen Dank für das Interview.